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«Nach Schnupperkurs in der Bibliothek zeigt sich: Der Teufel steckt im Detail» 
 
 
 


© Leipziger Volkszeitung vom Dienstag, 9. März 2004

Nach Schnupperkurs in der Bibliothek zeigt sich: Der Teufel steckt im Detail


Die Uhr tickt: Anfang April übernimmt eine Bürgerinitiative die Regie in der Mölkauer Stadtteilbibliothek. Zwar hat das in Leipzig einzigartige Projekt viele Anhänger gefunden. Doch kurz vor dem Start zeigt sich einmal mehr, dass der Teufel im Detail steckt. Vor kurzem absolvierten fünf ehrenamtliche Mitstreiterinnen ihren ersten Schnupperkurs in der Bibliothek.

Eineinhalb Stunden war volle Konzentration gefragt. Eva Jung, die städtische Bibliothekarin, führte fünf ältere Damen durch ihr Reich: 78 Quadratmeter im Untergeschoss der Mölkauer Grundschule, rund 9000 Bücher und Medien fein säuberlich nach Fachgebieten aufgereiht - Romane, Sachbücher, Kinder- und Jugendliteratur und vieles andere. Im Vergleich zu anderen Leipziger Büchereien, die zum Teil mehr als 40.000 Bände führen, ist die Mölkauer Stube eine kleine Bibliothek; dennoch ist sie eine, die nach allen Regeln der Kunst arbeitet.

Ende April sollen die fünf Besucherinnen sich hier wie zu Hause fühlen. Sie werden die Ortsbibliothek ehrenamtlich führen, wenn die städtische Mitarbeiterin abgezogen wird. Zur Erinnerung: Im Dezember beschloss der Stadtrat, die Stadtteilbibliothek in Mölkau zu schließen. SPD-Stadtrat Christian Jonas regte damals an, die Bücherei in Trägerschaft eines ortsansässigen Vereins weiter zu führen und fand Unterstützung beim Heimat- und Kulturverein. Auch Kulturdezernent Georg Girardet sagte seine Hilfe zu: Ehrenamtliches Engagement im Kulturbereich sei viel zu selten, lobte er.

Inzwischen zeigen sich die Mühen der Ebene: Ihren Schnupperkurs für die künftigen Bibliothekarinnen beginnt Eva Jung mit den farbigen Klebern auf den Buchrücken. Gelb für kleinere Kinder, rot für ältere. Schwieriger ist schon das Alphabet der Sachbücher: Die sind nicht nur nach Buchstaben geordnet, sondern auch nach Nummern. Wie mit säumigen Lesern umzugehen ist, und nach welchem Prinzip Karteikarten beschriftet werden - auch das gehört zum Einmaleins der Bibliotheken.

Freilich kommen die Ehrenamtlichen nicht ohne Sicherheitsnetz: Vier Wochen lang arbeiten sie sich gemeinsam mit der städtischen Bibliothekarin ein; auch später noch will die Fachkraft helfen. Außerdem steht ihnen eine hochkarätige Arbeitsgruppe zur Seite: Hildegard Wagenbreth leitete früher die Fachschule für Bibliothekare Erich Weinert, Robert Korff und Christian Jonas vertreten den Heimat- und Kulturverein und die Politik.

Dennoch sind eine Menge Details zu klären: Zwar sollen die Bücher bleiben, doch die Registrierkasse nimmt die Stadtbibliothek mit. Die Schlüsselübergabe muss mit der Schulleiterin abgestimmt werden, und die Ehrenamtlichen brauchen eine Versicherung. Mölkauer Bibliotheksnutzer werden eine eigene Benutzergebühr bezahlen müssen und dennoch ein Konkurrenzangebot der Stadt bekommen. Denn in Mölkau hält auch der Bücherbus der Stadt, wie im Stadtratsbeschluss vorgesehen. Und immer noch steht eine schriftliche Bestätigung der versprochenen Zuschüsse aus.

Erst kürzlich regte sich daher Unmut im Heimat- und Kulturverein. Erst wenn die Fragen nach Miethöhe, Laufzeit, Kündigungsfristen und Nebenkosten schriftlich beantwortet seien, könne sich der Heimat- und Kulturverein endgültig positionieren, hieß es sinngemäß in einem Brief, der Stadtrat Christian Jonas vor einigen Tagen zuging.

Die Vorbereitungen für den Tag X der Mölkauer Bibliothek laufen trotzdem weiter. "Die Bibliothek muss für die Bürger erhalten blieben", sagt Vereinschef Robert Korff. "Das ist das Wichtigste." Und auch die Helferinnen stehen zu ihrem Angebot: "Die Arbeit hier wird mir Spaß machen", ist Waltraut Schindhelm überzeugt.

Stephanie von Aretin



 
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