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«Schimmelpilz und Holzwurm setzen alten Kameras zu» 
 
 
 


© Leipziger Volkszeitung vom Freitag, 7. Februar 2003

Schimmelpilz und Holzwurm setzen alten Kameras zu


Das Mölkauer Fotomuseum steckt in der Finanzkrise. Seit vier Jahren wurden die städtischen Fördermittel um mehr als die Hälfte zusammengestrichen. Das Resultat: Der wertvolle Kamerabestand des Museums kann nicht restauriert werden. Doch das ist dringend nötig. In vielen der 150 historischen Stücke steckt der Schimmelpilz, in anderen der Holzwurm.Das Belebteste am Mölkauer Ortsteil Zweinaundorf ist wahrscheinlich die Hauptstraße. Sonst gibt es noch einen Gasthof, ein Gut, eine Kirche und einen Supermarkt. Wer von der Chaussee in die Gottschalkstraße abbiegt und dieser bis zum Ende folgt, findet sich in einer Sackgasse wieder. Dort steht das einzige Fotomuseum Ostdeutschlands. Über 150 historische Kameramodelle sind ausgestellt, im Nebengebäude lagern noch einmal etwa 500. Doch dieser wertvolle Schatz der Fotogeschichte ist in Gefahr. Fast alle Exponate sind vom Schimmelpilz befallen. Schaden richtet auch der Holzwurm an. Das Bein einer 100 Jahre alten Atelier-Kamera ist schon abgebrochen.

Rettung würde nur eine umfassende Restaurierung des Bestandes bieten - zu teuer für den Museumsverein. Denn der steckt tief in der Finanzkrise. In den vergangenen vier Jahren hat die Stadt Leipzig ihre Fördermittel um mehr als die Hälfte zurückgefahren. "Dieser Einschnitt war existenziell", sagt Museumschefin Kerstin Langner. Zwar sind Befürchtungen, das Museum könnte geschlossen werden, erst einmal vom Tisch. Dennoch fehle das Geld an allen Ecken. "Eine neue Treppe müsste beschafft und eingebaut werden, einige Räume sollten renoviert werden", sagt Langner. Um die historische Technik besser zu schützen, seien Luftentfeuchter vonnöten. Doch die würden über 2000 Euro kosten.

Was Wunder, dass auch die Mölkauer schimpfen. "Es ist unfassbar, dass zwar für große Leipziger Projekte Geld vorhanden ist, hier jedoch ein großes historisches Gut vergammelt", empört sich Anwohnerin Edeltraut Kind. Ihre Begleiterin Anne Rudolph ergänzt: "Das Museum ist hier wohl das einzige, was unseren Ort über die Grenzen hinaus bekannt macht."

Das Museum existiert auf Sparflamme. Sechs Sonderausstellungen, die Besucher locken sollen, wird es geben. Bei einigen wird aus Kostengründen nun auf die feierliche Eröffnung verzichtet. Exclusive Schauen wird es nicht mehr geben. "Bei solch bedeutenden Fotografien kosten Versicherung und Transport Unsummen", erklärt Andreas J. Mueller, Kurator im Museum. Zwei angedachte Ausstellungen mit Fotos von Karl Lagerfeld und Helmut Newton sind bereits wieder gestrichen.

Von großen Visionen hat sich Kerstin Langner erst einmal verabschiedet. Träume, in einigen Räumen des neuen Leipziger Bildermuseums mitauszustellen, sind ausgeträumt, die 200 Quadratmeter im Fotomuseum müssen genügen. Doch Langner kennt Durststrecken wie auch Boomzeiten. Nach dem Tod ihres Ehemanns und Museumsgründers Peter Langner 1994 sei noch weniger Geld als heute vorhanden gewesen. "Wir haben dennoch das Museum erhalten und noch bekannter gemacht", meint sie. Fünf Jahre später, zur Zeit der Eingemeindung, war wiederum genügend Geld vorhanden. Die meisten Archivschränke und Vitrinen wurden damals anschafft.

Ob Kerstin Langner einen Teil des Kamerabestandes verkaufen würde, um von dem Erlös den Rest zu schützen? "Das kommt nicht in Frage", sagt die Frau entschlossen. Zu viel erinnere sie an ihren Mann, der noch vor der Wende das erste Kameramuseum der DDR eröffnete. Außerdem sei ein Museum, welches die Exponate verkaufe, kein Museum. Doch inzwischen macht sich schon wieder verhaltener Optimismus breit. Erst kürzlich kam die Meldung, dass dieses Jahr die Fördersummen erstmals nicht mehr sinken sollen.

B. Böhme