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«Die vergessene Fabrik» 
 
 
 


© Leipziger Volkszeitung vom Freitag, 28. Januar 2005

Die vergessene Fabrik


Manche Gebäude sind so verlottert, dass noch nicht einmal lichtscheue Elemente dort noch Unterschlupf finden. Ein solches Gelände könnte der ehemalige Fahrzeug- und Transportgerätebau in der Paunsdorfer Straße 70 in Mölkau sein. Die Türen stehen einladend offen, doch wer die Villa an der Straße betritt, findet im ehemaligen Salon nur Gerümpel, alte Akten, Buchdeckel und Briefe. In den Fabrikhallen brechen die Decken ein und auf dem Boden türmt sich der Müll.

"Das übertrifft alles, was ich bisher gesehen habe", gruselte sich Mölkaus Ortschef Volker Woitynek nach einer Stippvisite auf dem Fabrikgelände. Hat man erst einmal die offenen Gullis auf dem Vorplatz passiert, bietet sich durch eingeschlagene Fenster und sperrangelweite Tore ein Schreckensbild: Die Altlasten in den Werkhallen des ehemaligen Fahrzeugbauers haben offensichtlich noch nicht einmal die Ratten überlebt, denn die Tiere liegen tot auf dem Boden. Reifen, Benzinkanister und Öllachen sind nur eine kleine Auswahl der Müllansammlung, die sich in den Hallen türmt. Auch alte Weihnachtsbäume, Möbelstücke und Gartenabfälle haben Bürger illegal deponiert. "Das ist das Angesicht des Kapitalismus", bemerkt ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung sarkastisch.

Im Amt für Bauordnung und Denkmalspflege bildete die Industriebrache bisher einen weißen Fleck auf der Landkarte. "Wir kennen uns inzwischen auch in den eingemeindeten Gebieten ganz gut aus", sagt der stellvertretende Amtsleiter Klaus Wittmann. "Doch der zuständige Kollege war von der Industriebrache völlig überrascht, denn die Villa an der Straße sieht harmlos aus", erzählt Wittmann nach einem ersten Rundgang des Ordnungshüters am Mittwoch. Bisher existiere in dem Amt kein "Vorgang" zu dem Objekt. "Das ist nie an uns herangetragen worden", sagt der Vize-Amtsleiter. Allerdings wollen die Ordnungshüter jetzt in die Spur gehen: "Wir werden einen Lageplan besorgen und dann umgehend den Eigentümer ermitteln." Notfalls will die Stadt das Gelände sichern, doch dafür müsse das Bauordnungsamt erst Geld beantragen, so Wittmann.

Für den Eigentümer beziehungsweise die Stadt könnten die Sicherungsmaßnahmen teuer kommen. Denn das Gelände ist riesig, umfasst nach einer Schätzung des Ortsvorstehers "mindestens 2000 Quadratmeter". In seinen besten Zeiten maßen die Fabrikhallen der ehemaligen Nähmaschinenfabrik der Familie Knauer sogar 6000 Quadratmeter und erstreckten sich auch auf das Gebiet der heutigen Agip-Tankstelle. Zu DDR-Zeiten war in den Hallen zunächst der VEB Eisenbau Mölkau und später die Fahrzeug- und Transportgerätebau Leipzig (FTL) untergebracht. Nach LVZ-Recherchen ist die Fabrikruine jetzt in Privatbesitz.

Auch der Ortschaftsrat hat sich die Sicherung der verfallenen Gemäuer jetzt auf die Fahne geschrieben. "Die Brache ist eine Gefahr für Kinder und Jugendliche", sagt Ortschef Woitynek. "Alles ist frei zugänglich und in den Zwischengeschossen kommen bereits die Decken herunter." Auch die Umweltvergehen bilden eine Gefahr: "Jeder lädt dort seinen Müll ab, und dessen Qualität ist offensichtlich so, dass selbst das Ungeziefer darunter leidet." Der Ortschaftsrat will nun zunächst an die Stadtverwaltung und die Polizei herantreten, "damit dort etwas passiert." Zumindest müsse die Fabrik gesichert werden, sagt Woitynek. Möglichst solle dann auch noch all das entsorgt werden, "was dort nicht hingehört."

Stephanie von Aretin



 
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