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«In Mölkau klappt Zeit einfach um» 
 
 
 


© Leipziger Volkszeitung vom Freitag, 8. Oktober 2004

In Mölkau klappt Zeit einfach um


Früher tickten Wecker laut. Heute schimmern ihre digitalen Zahlen im Dunkeln. Dazwischen jedoch gab es eine Ära, in der die Uhren auf dem Nachttischschränkchen regelmäßig ein Plättchen fallen ließen und so die Zeit verkündeten - so genannte Klappzahlenwecker. Heino Colditz hat sich ihrer angenommen und ihnen in Mölkau bundesweit die wohl erste Ausstellung gewidmet.

"Another brick in the Wall" dudelt eines der Radios den Pop-Klassiker von Pink Floyd im Dachgeschoss des Mölkauer Guts. Die Musik passt (zufällig) wie die Faust aufs Auge zum Zeitgeist, den die rund 70 Wecker-Radios im Raum geballt verströmen.

Rotes, gelbes, orange-farbenes Plastik ist unter den schweren Dachbalken aufgebaut, die Formenvielfalt nur mühsam gebändigt durch die einheitliche Anordnung auf weißen Tischtüchern mit einem buntem Krepppapier-Streifen. Und in all den Gehäusen mit den wundersamen Formen klicken Klapp-Plättchen. So wie in dem Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" täglich die Zeit-Täfelchen umschlagen: Von 5.59 Uhr auf 6.00 Uhr, das Lied "I got you Babe" erklingt und für Bill Murray ein neuer, immer gleicher Tag beginnt.

Auch wenn der Klappzahlenwecker in dem Hollywood-Streifen aus den 90er Jahren Kultstatus erlangte - für Heino Colditz aus Mölkau begann die Geschichte seiner Sammlung mit einem ganz alltäglichen Problem: Sein eigener, orange-farbener Klappzahlenwecker, Marke Bosch und Baujahr 1971, ging kaputt. Für diesen Ur-Wecker ersteigerte der 29-Jährige im Internet einen weiteren Klappzahlenwecker, der als Ersatzteilspender herhalten sollte. Die Ersatzteile anderer Marken passten aber nicht, und so kaufte Heino Colditz einen weiteren Wecker und dann noch einen - der Grundstein einer ebenso umfangreichen wie skurillen Sammlung war gelegt.

Über 70 Klappzahlenwecker werden derzeit im Gut Mölkau gezeigt, das seine Räume zum ersten Mal für eine Ausstellung öffnet - große und kleine Uhren, mit futuristischem Design oder ganz schlicht. In der DDR seien die Wecker nie hergestellt worden, sagt Colditz, denn die Stromspannung schwankte zu stark. Auch in Westdeutschland wurde die Massen-Produktion der im offiziellen Sprachgebrauch "digitalen", aber tatsächlich mechanischen Wecker bald eingestellt. "Die Herstellung war zu aufwändig", erklärt Colditz, "jedes Stück verfügt über einen Motor und Zahnrädchen, die das Laufwerk der Klappplättchen betreiben." Schon in den 70er Jahren kosteten die Wecker 198 oder 298 Mark, erläutert der Sammler am Beispiel zweier feuerroter "Saba"-Wecker aus der Ausstellung. Kein Vergleich zu heutigen digitalen Weckern, die - in einheitlichem Schwarz gehalten und mit digitalen Ziffern - 9,99 Euro kosten. Der wohl einzige Klappzahlenwecker, der heute noch hergestellt wird - ein Modell der Marke Solari Udine - kostet stolze 1060 Euro.

Freilich hat Heino Colditz für das gleichnamige Ausstellungsstück nur 43 Euro bezahlt, genauso wie er für die meisten anderen Wecker nicht mehr als fünf Euro überwiesen hat. Dabei werden für manche der Kult-Objekte inzwischen hübsche Sümmchen verlangt. "Solari Udine" jedoch war kaputt, so wie die meisten anderen Wecker aus der Sammlung auch. Mit Feile und Zahnbürste rückte der Mölkauer den Uhrwerken zu Leibe, säuberte feine Plastikritzen, tauschte Zahlenplättchen aus, brachte Zahnräder wieder zum Laufen. "Am Ende komme ich in etwa bei Plus minus Null heraus" erklärt der Wecker-Spezialist.

Zwar laufen die Klappzahlenwecker nicht wie heutige digitale Stoppuhren auf die tausendstel Sekunde genau. Aber dafür sieht man auf ihnen, wie die Zeit vergeht. Und das hat doch was.

Stephanie von Aretin


Die Ausstellung in der Kelbestraße kann nach Anmeldung über Telefon (0160) 887027 oder unter www.klappzahlenwecker.de besichtigt werden. In den Herbstferien ist die Ausstellung geschlossen.



 
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