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«Mit Ironie gegen den lauernden Wahnsinn» 
 
 
 


© Leipziger Volkszeitung vom Donnerstag, 15. April 2004

Mit Ironie gegen den lauernden Wahnsinn


Manchmal überholt die Zeit auch den Fotografen, der mit der Kamera den Puls der Zeit fühlt. Im Fotomuseum Leipzig wird der Blick von einer großen Bild-Inszenierung angezogen, einem Tableau aus sechs Einzelfotos von Bertram Kober. "Behaviour" (Verhalten) heißt die Komposition. Ein junger Bursche im Turnfest-Anzug mit DDR-Schriftzug und -emblem. Der sportliche Aufputz wird durch den Bauchansatz karikiert, die Haltung ist desinteressiert und träge, aber durch die coole Pose vor der Kamera schimmert Selbstverliebtheit.

Die alte Dame im geblümten Kleid dagegen scheint die Anwesenheit der Kamera vergessen zu haben. Gelöst, verinnerlicht, mit berührender Anmut wiegt sie sich in tänzerischen Bewegungen. Als Kober die Serien 1998 aufnahm, lag Leipzigs Olympiabewerbung noch im Nebelreich der Träume. Nachdem die erste Werbekampagne "Spiele mit uns" längst lautstark über die Stadt gewalzt ist, bekommt die vieldeutige Inszenierung einen neuen, witzigen Aspekt.

Kobers zeitkritische Fotografie verlangt den Betrachter, der seine Sicht der Welt in die des Fotografen einbringt. Dafür ist "Behaviour" Beispiel und auch eine Art Anleitung zur aktuellen Ausstellung "Legitime Aspekte des Alltags". Eine menschenleere Schau, die wenigen Personen, die winzig auf den großformatigen Aufnahmen auftauchen, haben für die Aussage keine Bedeutung. Es sind die abgebildeten Gegenstände, die auf den Betrachter zielen: der überfahrene Fuchs auf der Autobahn, der Warenkorb mit wahllos hineingestopften Devotionalien, die Blechwüste eines Automarktes und die Reste eines Motors in der Kfz-Recycling-Anlage. Oder der Sonnenuntergang am Meer mit den langsam heranrollenden silbrigen Wellen am ölverseuchten Strand. Umweltverschmutzung, Autowahn, handelbarer Glauben - manche der Bilder sind nur bedrückend, in anderen ist Ironie versteckt. Das sei einkalkuliert, sagt der Fotograf. "Ohne Ironie kann man den alltäglichen Wahnsinn kaum mehr ertragen, also ist sie für mich zum Stilmittel geworden."

Der Zivilisationsmüll, den Kober zeigt, ist zu Gegenständen gewordener geistiger Müll, genährt von Gleichgültigkeit, Unverständnis, Egoismus. Kober, der die Bilder im Alltag aufsammelt, indem er für eine Belichtungssekunde die Zeit anhält, kann damit warnen und betroffen machen. Ihre eigenwillige Ästhetik lässt die Aufnahmen aber nie moralisierend erscheinen. Sie sind im Wortsinn schön. Und provokant, aber die Provokation kommt leise daher und lässt den Betrachter nicht in Ablehnung erstarren.

Flankiert werden die "Legitimen Aspekte" von 14 kleinformatigen Schwarz-Weiß-Bildern aus den Jahren 1979 bis 1989. Moment-Aufnahmen aus der DDR - der Urlauber in Mecklenburg, die verfallene Synagoge in Görlitz, der apathische Junge im NVA-Ausbildungslager für Studenten, ein gelangweilter Delegierter bei der Tagung im Ministerium für Kultur, eine desinteressierte Gruppe 1983 am Roßplatz in Leipzig neben der Mai-Demo ... Abwarten, das scheint das übergreifende Motiv zu sein. Ein Zeit-Stück, aufbewahrt als Kassette mit 14 Fotos auf authentischem Barytpapier und mit Passepartouts. Die Erinnerung hat ihren Preis: Für 1600 Euro ist die DDR in der Kassette zu haben.

Bernd Locker

Bertram Kober "Legitime Aspekte des Alltags", Fotomuseum Leipzig-Mölkau, Gottschalkstr. 9, bis 30. Mai, Mi, Sa, So 13-17 Uhr. Katalog 16 Euro.


 
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