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«Von Liebeskummer bis Mobbing - Schlichter klären Probleme» 
 
 
 


© Leipziger Volkszeitung vom Dienstag, 30. März 2004

Von Liebeskummer bis Mobbing - Schlichter klären Probleme


In anderen Gefilden wäre es Stoff für eine Operette - in Mölkau wurde es ein Fall für die Schülerschlichter: Immer wieder wartete ein liebestrunkener Schüler vor der Tür seiner Angebeteten. "In der Schule ging es dann gleich weiter", schildert Schlichterin Anja die verfahrene Situation. "Der Junge war in sie verliebt - sie hingegen dachte, er kann sie nicht leiden." Schließlich wandte sich das Mädchen an die Streitschlichter der Mölkauer Mittelschule. Unter den Augen der unparteiischen Dritten sprachen sich die beiden aus: Ein Paar wurden sie zwar nicht; doch immerhin gab es einen Schlichterspruch, mit dem beide einverstanden waren. Er muss nun vorher fragen, bevor er sie abholen darf.

Der Fall klingt harmlos, darf aber durchaus weitergesponnen werden. Belästigung, Mobbing, Gewaltandrohung oder tatsächliche Anwendung sind wohl aus keinem Schulalltag auszuklammern. In Erfurt oder Coburg sind scheinbar alltägliche Probleme schließlich eskaliert. An der Mölkauer Mittelschule begann daher vor einem Jahr ein Projekt, das in vielen Schulen, in der Wirtschaft und in Familien immer mehr Anklang findet. So genannte Streitschlichter oder Mediatoren suchen mit den Betroffenen Vereinbarungen, mit denen sich beide Seiten anfreunden können.

Ein kleines Zimmer im Keller der Schule ist das Reich der Mölkauer Streitschlichter. Nur die Schüler dürfen es betreten, die Gespräche sind vertraulich. Einziger Schmuck des kahlen Raums: die strengen Regeln, nach denen eine Schlichtung ablaufen muss - für alle sichtbar an die Wand geheftet. Vieles wird schriftlich festgehalten: Auf bunten Zetteln stellen die Gesprächspartner gleich am Anfang klar: Wozu bin ich bereit? Was erwarte ich? "Dann versuchen wir, mehr über die Hintergründe zu erfahren", erzählt Anja. "Oft steckt etwas ganz anderes dahinter. Es ist wichtig, sich in den anderen hinein zu versetzen. Dann fangen sie an, darüber anders nachzudenken", schildert die 15-Jährige ihre Erfahrungen. Die Lösung zum Streit soll von den Betroffenen selbst kommen. Auch diese Vereinbarung wird schriftlich fest gehalten und nach drei Wochen überprüft.

"Wir treffen uns in der Hofpause, manchmal knapsen wir etwas Zeit vom Unterricht ab", erzählt Ko-Schlichterin Stephanie aus der 9. Klasse. Nur Fünft- und Sechsklässler bekommen das Angebot, "von den älteren erwarten wir, dass sie ihre Probleme selbst in den Griff bekommen", sagt Anja. Das Einmaleins der Schlichtungsverfahrens beherrschen die beiden aus dem Effeff: Ein Dreitage-Camp, 60 Stunden Ausbildung an der Schule und eine 45-minütige schriftliche Prüfung haben die Mädchen absolviert, bevor sie als Schlichterinnen zugelassen wurden. Von den ursprünglich zwölf Interessenten blieben an der Schule letztlich nur fünf übrig - außer Stephanie und Anja drei männliche Schlichter.

Noch nimmt sich die Bilanz der Mölkauer Streitschlichter etwas mager aus: Nur fünfmal kamen die Schüler bisher zum Einsatz. Stephanie sieht das positiv: "Wir haben nicht so viele Konflikte an der Schule", erklärt sie. In fast allen Fällen, war die Schlichtung auf Dauer erfolgreich, nur in einer Klasse "haben die sich schon den Nächsten zum Ärgern gesucht", erzählt die Schlichterin. Die lange Vorbereitung hat sie nicht bereut: "Schließlich hilft das auch im Leben", sagt 14-jährige Stephanie. "Früher war ich schnell mal eingeschnappt oder habe rumgeschrien - jetzt reagiere ich anders." Die nächste Generation von Streitschlichtern in der Mölkauer Mittelschule wird bereits angelernt.

Stephanie von Aretin



 
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